Sonntag, 24. Mai 2015

„Hab dich doch nicht so, es sind doch nur Pornos“



„Hab dich doch nicht so, es sind doch nur Pornos“

Warum Frauen Probleme damit haben, dass ihre Partner Pornos gucken und wie Männer dazu stehen.

Im Rahmen einer Recherche zu einem anderen Artikel stieß ich auf eine häufige Diskussion um Männer die Pornos schauen, wobei sie in einer festen Beziehung sind. Häufig haben die Partnerinnen mit dieser Sache ein Problem. In Diskussionsforen liest man dabei Kommentare von Männern, die sich darüber lustig machen und die Abneigung prüde oder albern finden. „Liebe Männer“, möchte ich dann sagen: „macht euch doch erst mal bewusst, was ihr da anguckt, bevor ihr abschätzig über die Ablehnung der Frauen sprecht!“ Denn Pornographie stellt den Sexualakt von zwei oder mehreren Menschen dar, die zumeist auf ihre Geschlechtsorgane reduziert werden. Dabei hat der Begriff seinen Ursprung in der Beschreibung des Lebens und der Sitten von Prostituierten und ihren Kunden. Die Abgrenzung zur Erotik erfolgt hauptsächlich dadurch, dass die Geschlechtsorgane und die Penetration explizit dargestellt werden. Die Erotik romantisiert dabei das Geschlechtliche eher und bietet mehr Platz für Fantasien. [1]

Hierbei möchte ich einen Punkt besonders hervorheben: Das Wort stammt von der Prostitution. Ja, liebe Männer, Pornografie ist auch eine Form der Sexarbeit! Denn Prostitution, bezeichnet die Vornahme sexueller Handlungen für Geld[2], was natürlich auch auf die Darstellungen in Pornos zutrifft. Denn die Frauen (und teilweise auch Männer) in diesen Filmen werden selbstredend für ihre Handlungen bezahlt und machen sicher nicht nur „aus Spaß an der Sache“ mit. Auch wenn mit dem Web 2.0 immer mehr Amateurvideos im Internet zu finden sind, kann man der Pornografie nicht den Beweggrund des Geldverdienens absprechen. So gesehen fördert jeder Konsument von Pornos Prostitution. Ist es also wirklich so unverständlich, dass die Freundin den Porno-Konsum nicht gerne sieht?

Wobei hier die besondere Differenzierung vorgenommen werden muss, dass diese Frauen ein Problem mit dem Pornokonsum ihre Lebenspartner haben und nicht im Allgemeinen. Viele Frauen sagen: „Wenn er Single ist, oder ich eine längere Zeit nicht da bin – kein Problem, aber wenn ich direkt nebenan sitze?!“ Die Fragen, die sich der Freundin dann stellt sind: Warum braucht der Mann Pornos, obwohl er echten Sex mit seiner Lebenspartnerin haben kann? Was findet er an den plumpen und großteils gewalttätigen Darstellungen von Sex? Und Wie kann er das vermittelte Frauenbild gut finden, wo es in der eigenen Beziehung doch ganz anders ist?

Hier möchte ich hervorheben, dass Mann die Bedenken und Ängste seiner Partnerin unbedingt ernst nehmen sollte und ihr nicht mit abschätzigen Aussagen wie: „Hab dich doch nicht so, es sind doch nur Pornos“ begegnen sollte. Die Tatsache, dass der Freund oder Mann in der Beziehung Pornos schaut verletzt viele Frauen, sie fühlen sich zurückgewiesen, durch etwas Falsches ersetzt, fragen sich ob sie dem Mann nicht genügen. Für manche fühlt es sich tatsächlich wie eine Form des Fremdgehens an. Dabei muss natürlich die Definition des Fremdgehens individuell bestimmt werden. Viele werden sagen, dass es kein Fremdgehen ist, wenn man an eine andere denkt[3]. Trotzdem sollte Mann Verständnis haben, dass es dem Selbstwert der Frau zusetzt. Pornodarstellerinnen sind so gut wie immer operiert, haben scheinbar eine perfekte Figur, perfekte Haut und keinerlei Körperhaare mehr. Welche Frau im normalen Leben kann – und vor allen Dingen will – da mithalten? Ganz davon abgesehen, dass wohl keine Durchschnittsfrau zu den meisten der dargestellten Praktiken bereit wäre. Die Pornoszenen sind fast immer erniedrigend für die Frau und enden oft genug nach diversen unnatürlichen Sexakrobatiken mit einem Cum-Shot im Gesicht. Verständlich, dass bei solchen Darstellungen auch nur rund ein Drittel der Porno-Konsumenten Frauen sind[4]. Frauen können damit einfach nichts anfangen.

Also liebe Männer, versetzt euch doch mal in die Welt eurer Freundin. Sie sieht, dass ihr euch Pornos anguckt und geht davon aus, dass ihr auf die dargestellten Sachen steht. Aber bei euch zu Hause gibt es das nicht. Hm, klar, dass sie dann Selbstzweifel entwickelt: Zum einen das Aussehen und zum anderen den Sex betreffend. Daher solltet ihr unbedingt mit eurer Partnerin darüber reden und ihr klar machen, dass ihr im echten Leben keine Silikonbrüste und Analbleachings gut findet und ihr euch durchaus der Unnatürlichkeit und Absurdität der Pornowelt bewusst seid. Gleiches gilt auch für die dargestellten Praktiken. Während die Pornodarstellerinnen mit Analspreizungen und enormen Mengen an Gleitcreme für eine entsprechende Performance vor der Kamera vorbereitet werden, ist Analsex für viele Frau im realen Leben nicht unbedingt angenehm. Hier ist es also ganz wichtig klar zu stellen, dass man gerne diverse Sexualpraktiken ausprobieren würde, jedoch auch Rücksicht nehmen möchte. Sollte die Partnerin selbst nicht bereit dazu sein, wird sie sicher eher Verständnis dafür aufbringen, wenn ihr Freund dieses Bedürfnis ab und an mal mit einem Porno befriedigt. Auch der in Pornos häufig heftig dargestellte Oralsex sollte vom realen Leben differenziert werden. Jeder normale Mensch besitzt einen Würgereiz, den sich die Sexarbeiterinnen in den Filmen mit den Jahren abtrainiert haben. Die wenigsten Frauen mögen es daher, wenn ihr Partner ihren Kopf dabei fest an sich drückt und festhält.

Diese Unterschiede zwischen Porno und realer Welt sind dir als Mann eh schon bewusst? Glückwunsch, jetzt musst du dies nur noch deiner Freundin erklären. Und an dieser Stelle ist Offenheit und Einfühlsamkeit gefragt. Die Tatsache, dass der Freund Pornos schaut, obwohl er echten Sex haben kann, kratzt bei vielen Frauen am Selbstwert[5]. Sicherlich werden viele nichts dergleichen äußern, weil wir in einer offenen und liberalen Gesellschaft leben in der Pornografie als Teil der Aufklärung und sexuellen Befreiung – insbesondere auch der Frau – gilt. Wer dies hinterfragt gilt schnell als spießig oder verklemmt. Dabei ist der Pornokonsum von heute nicht so unproblematisch, wie er oftmals dargestellt wird und beeinflusst unser reales Leben mehr als man gemeinhin denken mag. Das Brasilian Waxing – der komplett haarlose Schambereich – ist ein Produkt der Pornoindustrie und bei so gut wie jeder Frau unter 35 Jahren zu finden. Und durch die standardmäßige Darstellung von Analsex in Pornos wächst der Druck auf die Frauen diesem nachzueifern, obwohl mit 20 Prozent der Anteil der praktizierenden Frauen derzeit noch eher gering ist. Sehr starker Pornokonsum kann zudem dazu führen, dass die vaginale Penetration für den Mann nicht mehr genug ist. So werden zwischen 8 und 15 Prozent der Pornokonsumenten süchtig. Diese Internet-Sexsucht ist eine nicht stoffgebundene Verhaltenssucht. Der Erkrankte wird von dem Gedanken an Pornos zunehmend dominiert, emotional auslaugt und die Sucht kann sogar zum finanziellen Ruin führen. [6] Eine Freundin von mir berichtete, dass sie nach der Trennung von ihrem Freund eine Telefonrechnung über mehrere hundert Euro erhielt. Wo die beiden noch zusammen waren und auch zusammen lebten, hatte ihr Partner mehrfach bei Telefonsex-Hotlines angerufen. Dass die beiden zusätzlich seit Monaten keinen Sex mehr gehabt hatten bestätigte sie darin, dass die Trennung richtig gewesen war. Zu behaupten, die Telefonsexsucht habe diese Beziehung zum Ende gebracht, wäre sicherlich falsch, trotzdem zeugt sie von einem unerfüllten Sexleben. So ist es wichtig, sich klar zu machen, auf welche Weise Pornografie unser Gehirn verändert. „Pornokonsum führt auch beim noch nicht süchtigen Konsumenten zu immer mehr Pornokonsum. Zum Konsum immer extremerer Pornografie. Und zu einer Desensibilisierung, die in der realen Sexualität zu Erektionsproblemen, verzögerten Orgasmen und sinkender Lust auf die Partnerin führt.“[7] Beim Masturbieren zu pornografischen Filmen setzt das männliche Gehirn Dopamin frei, was für eine bessere Stimmung und generell erhöhtes Allgemeinbefinden sorgt. „Der neuronale Schaltkreis ist mit dem bei Glücksspielen oder der Einnahme von Kokain vergleichbar.“ [8] Dabei entwickelt sich eine Art Spirale, die dafür sorgt, dass immer krassere Bilder für die Befriedigung benötigt werden und irgendwann nur noch Darstellungen von Sex mit Gewalt, Missbrauch und Erniedrigung den entsprechenden Effekt haben. Dabei schaltet der Konsument den Teil seines Selbst ab, der sich einfühlen kann und sorgt damit für eine Prägung auf eine unpersönliche und letztendlich entwertende Sexualität.

Kein Wunder also, dass Pornos und Beziehung nicht so wirklich zusammen passen wollen. Während eine Partnerschaft von Offenheit, Einfühlsamkeit und Intimität lebt, verzichten Pornos bewusst auf Gefühle. Hier wird purer, sturer Sex praktiziert. Sie sind dabei auch eine Möglichkeit der Intimitätsflucht. „Im Pornowunderland der ewig willigen Frauen müssen [Männer] keine Ablehnung, kein Versagen fürchten, sie müssen sich nicht mit der eigenen Angst, dominiert zu werden, auseinandersetzen.“ [9] Steht eine Beziehung noch am Anfang ist die Wahrscheinlichkeit, dass der Partner Pornos schaut vermutlich auch dadurch erhöht, dass er sich noch nicht traut Wünsche und Vorstellungen zum gemeinsamen Sexleben zu äußern und sich in die unechte Welt des Pornos flüchtet. Auch bei Streitigkeiten oder harmonischen Disbalancen in der Beziehung ist die Wahrscheinlichkeit der Pornoflucht erhöht. Wenn man sich eh noch nicht so gut kennt oder gerade Gewitterwolken am Beziehungshorizont stehen, ist es umso mühsamer gemeinsam am Sexleben zu arbeiten. Wer sexuelle Wünsche und Bedürfnisse äußert macht sich angreifbar und verletzlich und riskiert immer auch Zurückweisung. In der Welt der Pornos kann einem das nicht passieren. In einer Beziehung steht mit der Enthüllung von solchen geheimen Wünschen auch immer mehr auf dem Spiel, als bei einer Affäre. Während der Mann als Liebhaber eventuell mit einem „Ürg, sowas mach ich nicht!“ rechnen muss, haben viele von ihnen Angst eine Liebesbeziehung langfristig zu belasten, wenn sie ungewöhnliche Wünsche äußern. So kann das Pornoschauen – so widersprüchlich es klingt – auch eine Form von Respekt sein. Statt die Freundin um scheinbar würdelose Handlungen zu bitten, schaut man sie sich halt einfach bei einer anderen Frau an. Dass dies eine falsch verstandene Form der Rücksichtnahme ist, brauche ich wohl nicht zu erwähnen. Es ist keineswegs respektvoll von vorn herein die Bereitschaft zu bestimmten Sexpraktiken auszuschließen. So kann es durchaus sein, dass die Freundin selbst gerne neues ausprobieren würde, nur noch nicht daran gedacht hat oder sich selbst nicht traut es anzusprechen. Hier ist also reden angesagt – auch wenn es mal unangenehm werden kann. Auch die Bereitschaft mal was vorsichtig auszuprobieren sollte vorhanden sein. Das kann ein kleiner Klapps auf den Hintern sein oder ein direkt bei der Sache formulierter Wunsch. So merkt man schnell, wie das Gegenüber reagiert. Die Darstellung von Gewalt gegen Frauen, wie sie in Pornos zu Hauf zu finden sind, kann von diesen nur schwer toleriert und akzeptiert werden. Dies lässt jedoch nicht den Umkehrschluss zu, dass sie selbst keine sexuellen Machtspiele mögen. Bei entsprechenden Einverständnis, ohne echte Brutalität und Verletzungen sowie einer Berücksichtigung von Signalen, die verdeutlichen, dass es genug ist, können sich einige Frauen dafür begeistern.[10]

So sollte Pornokonsum in einer Beziehung nicht generell als etwas Schlechtes gesehen werden. Stimmt die Intimität und wird das Sexleben gemeinsam genossen und erforscht, ist das zusätzliche Masturbieren vor Pornos keine Gefahr für das Paar. Die Pornos können auch für Anregung im tatsächlichen Sexleben sorgen und Fantasien, die die Partnerin nicht erfüllen möchte, befriedigen. Dabei muss die Frau lernen die Pornos nicht als eine Konkurrenz zu sehen. Den meisten Männern ist die Unwirklichkeit des Ganzen bewusst und sie suchen ein wenig Abstand zu dem um sie herrschenden körperlichen und psychischen Druck in dieser Fantasiewelt. Männer betrachten dabei das Sexuelle eher als etwas Isoliertes und eine biologische Funktion. [11] So schreibt eine Userin bei gofeminin.de ihr Freund bezeichne das Pornoschauen als „Druck ablassen“. Dabei sagte er aber auch, er wolle seine eigene Freundin „nie so sehen“[12]. Hier spiegelt sich eine gewisse Verklemmtheit des Mannes mit seiner Sexualität und seinen Wünschen wieder. Die Pornodarstellerinnen kann er abschätzig betrachten, aber mit seiner Freundin selbst einen Sexfilm drehen möchte er nicht. Die Pornowelt soll als eine Parallelwelt Wünsche wiederspiegeln, die ihm im wahren Leben unangenehm sind. Diese Doppelmoral der „andere Frauen ja, meine Freundin nicht“ lässt die Partnerin jedoch an Selbstzweifeln leiden. Auch hier findet sich falsch verstandener Respekt wieder. Pornodarstellerinnen kann sich der Mann zur reinen Bedürfnisbefriedigung anschauen, aber nicht die eigene Freundin… Liebe Männer, vergesst nicht, dass eure Partnerin gerne als sexuell attraktives Wesen wahrgenommen werden will – insbesondere von euch, dem Lebenspartner! Da kratzt es nicht nur am Selbstwert, sondern schneidet in dieses ungemein ein, wenn ihr diese Doppelmoral anlegt. An dieser Stelle ist eindeutig Arbeit am Mann selbst gefragt. Wer nur bereit ist sexuelle Fantasien auf einer Projektion im Film ausgelebt zu sehen, ist offensichtlich zu gehemmt für ein gemeinsames erfülltes Sexualleben. Hier erfolgt der Pornokonsum als eine Form des Ausweichens vor den Bedürfnissen der Lebenspartnerin. Werden diese Männer dann beim Pornoschauen „ertappt“ ist ihnen das nicht selten peinlich und sie beginnen zu behaupten, dass es ja nur „ganz selten“ und „wenn sie weg ist“ passiert. Natürlich machen diese Verleumdungen misstrauisch und stoßen die Partnerinnen dann im Browserverlauf auf täglich abgerufene Pornoseiten beginnen Eifersucht, Angst und Selbstzweifel von ihnen Besitz zu ergreifen. Traut sie sich diese Gefühle auszusprechen führt die persönliche Hemmung des Mannes nicht selten dazu, dass er den Pornokonsum verheimlicht und nachts an den Computer schleicht oder auf dem Klo über das Handy die schnelle Befriedigung abruft.[13] Dass diese Geheimnisse der Beziehung auf lange Sicht schaden, sollte wohl jedem klar sein.

Die viel einfachere Befriedigung mittels Pornos und die damit verbundene Flucht vor einer tatsächlichen Auseinandersetzung sind in Beziehungen nicht unproblematisch. So hat eine Studie der University of Florida Frauen nach dem Pornokonsum des Partners befragt und dabei festgestellt: „ Je höher und problematischer die Studienteilnehmerinnen den Porno-Konsum des Partners wahrnahmen, desto geringer war ihr Selbstwertgefühl und desto schlechter bewerteten sie die sexuelle Zufriedenheit und die Qualität der Beziehung.“[14] Der Sexualpsychologe Dr. Ernst Bornemann schlussfolgert sogar, dass eine erhöhte Lust auf Pornos eine mangelnde Lust auf tatsächlichen Geschlechtsverkehr nach sich zieht.[15] Ob dies auf einen selbst zutrifft und ob man eventuell sogar an einer Sucht leidet, muss jeder für sich selbst überprüfen. Dabei sollte man sich auch bewusst machen, dass man selbst für ein erfülltes Sexleben verantwortlich ist und dies sicher nicht allein vor dem Bildschirm stattfindet.

Also liebe Männer und Frauen, redet miteinander! Äußert eure Bedenken, Ängste, aber auch Wünsche offen und nehmt Rücksicht aufeinander. Die Ablehnung von Pornos liegt nicht daran, dass die Frau verklemmt und eifersüchtig ist, sondern ist viel facettenreicher. Das Selbstwertgefühl der Lebenspartnerin sollte in jedem Fall ernst genommen werden. Neben den Aspekten des Äußerlichen und der Sexualpraktiken, finden viele Frauen auch die Brutalität abstoßend. Dies liegt u.a. daran, dass ein nicht unerheblicher Teil der Frauen Formen sexueller Gewalt und Belästigung selbst erfahren haben[16] und die verherrlichende Darstellung in Pornos problematisch finden.

Bei der Frage Pornos und Beziehung sollte immer auch Toleranz herrschen. Dem Mann die Filme verbieten zu wollen bringt nichts, auf der anderen Seite können und sollten die Gefühle der Frau nicht einfach unterdrückt werden. Selbstbefriedigung und das damit verbundene schauen von Pornos ist ein sehr privater Teil der Persönlichkeit und es können dort Fantasien ausgelebt werden, die man vielleicht auch gar nicht im echten Leben ausprobieren will. Dabei findet sich im wikihow[17] eine Anleitung für Frauen, wie sie lernen können mit dem Pornokonsum ihres Mannes umzugehen. Hier wird besonderer Wert auf das Miteinander reden gelegt, aber auch deutlich gemacht, dass Pornosucht nur mit Hilfe Dritter bekämpft werden kann. Wichtig ist auch, dass jede Frau aufgrund persönlicher Erfahrungen und Einstellungen anders über Pornografie denkt und sich an unterschiedlichen Sachen stört. Ein Gespräch ermöglicht es einen Kompromiss zu finden wie z.B. als Paar neues auszuprobieren, den Pornokonsum zeitlich oder auf bestimmte Formate (wie z.B. feministische Pornos) einzuschränken. [18] Eventuell steckt hinter dem Streitpunkt aber auch ein anderes Beziehungsproblem, das bearbeitet werden sollte.[19]



Weitere Quellen zum Thema:

Angela Frischauf (2009): Sexualität und Pornographie im Frauenbild der Gegenwartsliteratur: diplom.de.
Wolf, Naomi (2013): Vagina. Eine Geschichte der Weiblichkeit. Reinbek: Rowohlt.



[1] Angela Frischauf (2009): Sexualität und Pornographie im Frauenbild der Gegenwartsliteratur: diplom.de. S. 6f
[2] http://de.wikipedia.org/wiki/Prostitution
[3] http://www.urbia.de/magazin/liebe-und-partnerschaft/liebe-und-sex/wenn-der-partner-pornos-schaut
[4] http://de.wikipedia.org/wiki/Pornografie
[5] http://www.urbia.de/magazin/liebe-und-partnerschaft/liebe-und-sex/wenn-der-partner-pornos-schaut
[6] http://woman.brigitte.de/leben-lieben/liebe-sex/pornos-internet-1172044/
[7] http://woman.brigitte.de/leben-lieben/liebe-sex/pornos-internet-1172044/
[8] Wolf, Naomi (2013): Vagina. Eine Geschichte der Weiblichkeit. Reinbek: Rowohlt
[9] http://woman.brigitte.de/leben-lieben/liebe-sex/pornos-internet-1172044/
[10] http://www.urbia.de/magazin/liebe-und-partnerschaft/liebe-und-sex/wenn-der-partner-pornos-schaut
[11] http://www.urbia.de/magazin/liebe-und-partnerschaft/liebe-und-sex/wenn-der-partner-pornos-schaut
[12] http://forum.gofeminin.de/forum/couple2/__f66381_p2_couple2-Pornos-Beziehung.html
[13] http://www.t-online.de/lifestyle/gesundheit/id_56878346/pornos-sind-beziehungskiller-selbstwert-der-partnerin-leidet.html
[14] http://www.t-online.de/lifestyle/gesundheit/id_56878346/pornos-sind-beziehungskiller-selbstwert-der-partnerin-leidet.html
[15] http://www.urbia.de/magazin/liebe-und-partnerschaft/liebe-und-sex/wenn-der-partner-pornos-schaut
[16] http://de.statista.com/statistik/daten/studie/298310/umfrage/praevalenz-von-sexueller-belaestigung-unter-frauen-in-mitgliedsstaaten-der-eu/
http://www.antidiskriminierungsstelle.de/SharedDocs/Aktuelles/DE/2014/Alarmierende_EU-Studie_zu_sexueller_Bel%C3%A4stigung_20140305.html
[17] http://de.wikihow.com/Akzeptieren-dass-ein-Freund-Pornos-schaut
[18] http://de.wikihow.com/Akzeptieren-dass-ein-Freund-Pornos-schaut
[19] http://www.urbia.de/magazin/liebe-und-partnerschaft/liebe-und-sex/wenn-der-partner-pornos-schaut

Die Rolle der Frau in der modernen Gesellschaft – Darf man noch Hausfrau sein?



Im ZEIT Magazin vom 30.10.2012 beschäftigt sich das Titelthema mit der Hausfrau von heute. Jetzt mag sich der ein oder andere an Werbeslogans aus den 60er Jahren erinnert fühlen wo „die Hausfrau von heute“ unbedingt eine Waschmaschine brauchte, um glücklich zu sein. Damals war es üblich, dass Frauen zu Hause blieben und nicht arbeiteten. Dies war auch die Zeit in der die Frauen gegen der Rolle, die ihnen von einer patriarchalen Gesellschaft auferlegt wurde, angingen und sie mehr forderten, als Mann, Kinder und Haushalt.

Diese Zeiten scheinen uns Frauen - die jetzt in den 20igern sind - lange vergangen. Unser Weltbild ist geprägt von arbeitenden Müttern, von alleinerziehenden, arbeitenden Müttern, aber nicht von Frauen, die zu Hause bleiben um ihr Leben ausschließlich der Familie zu widmen. Viele Frauen würden diese Rolle sicherlich auch als „unfeministisch“ und rückwärtsgewandt bezeichnen und können sich diese Lebensweise für sich selbst nicht vorstellen.
Doch der Schein, dass die Zeiten der Hausfrauen schon lange her sind, trügt: Erst 1977 wurde der Paragraph 1356 aus dem Bürgerlichen Gesetzbuch gestrichen, in dem alle Frauen zu Hausfrauen erklärt wurden: „Die Frau führt den Haushalt in eigener Verantwortung. Sie ist berechtigt, erwerbstätig zu sein, soweit dies mit den Pflichten in Ehe und Familie vereinbar ist.“ Schon der Hinweis auf die „Pflichten in der Ehe und Familie“ erschreckt jede feministisch eingestellte Frau. „Wie kann das Gesetz die Erwerbstätigkeit einschränken?“, fragt man sich. Unter heutigen Gesetzen der Gleichberechtigung sind solche Vorschriften keineswegs vorstellbar. Jeder ist selbst dafür verantwortlich, wie er oder sie Familie und Arbeit unter einen Hut bringt und die Frau soll gleichberechtigt zum Mann behandelt werden. Laut Gesetz macht es keinen Unterschied, ob Mann und Frau arbeiten gehen oder einer von beiden zu Hause bleibt. So ist es nicht mehr ausschließlich an der Frau, sich um den Haushalt und die Kinder zu kümmern, auch Männer haben die Möglichkeit Elternzeit zu nehmen oder können ihren Job an den Nagel hängen und Hausmann werden.
Doch wird dieses Modell denn gelebt? In der vom Bundesamt für Statistik herausgegebenen Statistikreihe Demos (2005) heißt es: „Im Jahr 2000 liegt [der] Anteil [an Hausmännern] um ein Prozent (1,2%)“. Und auch wenn man sich im Bekanntenkreis umschaut sieht man - 12 Jahre später -, dass sich diese Zahl kaum geändert haben kann. Männer, die nach der Geburt in Elternzeit gehen, gibt es eigentlich nicht. Frauen hingegen sind schnell in der Rolle, da sie bereits in der Schwangerschaft nicht mehr arbeiten und direkt danach Mutterschutz beantragen.

Auch im 21. Jahrhundert herrscht immer noch die Ansicht, dass Frauen von Natur aus fürsorglich sind und sich allein deswegen gerne um Kindererziehung und Haushalt kümmern. Männern wird dabei das Gegenteil unterstellt – sie haben kein „Nestbau-Gen“, sie wollen raus in die Welt und sich dort als „Ernährer“ beweisen. Die ganzen Steinzeit-Vergleiche á la Mario Barth sind in der breiten Gesellschaft vertretene Ansichten, von denen man sich selbst manchmal schwer frei sprechen kann. Schubladendenken darüber, wie die Rolle der Frau in der Familie zu sein hat, exisitert immer noch.
Jedoch sollte man nicht davon ausgehen, dass sich seit den 60igern nichts verändert hat und die ganze Feminismus-Bewegung keinen Erfolg brachte. So sank der Anteil an Frauen, die nicht erwerbstätig sind und von Einkünften Angehöriger leben, laut dem Amt für Statisitik von 19,6% im Jahr 2001 auf 13,8 Prozent (2012). Auch sehen sich laut eines Gutachtens des Bundesfamilienministeriums weniger Frauen als „haushaltsorientiert“. Das Gutachten hält aber auch fest, dass sich kein Wandel von der Rolle der Frau als Hausfrau zur Vollerwerbstätigen vollzogen hat. Es lässt sich statistisch belegen, dass Frauen mit Familien heut zu Tage eher auf eine Teilzeittätigkeit zurückgreifen.

Das bedeutet, dass sich die Mutter von Heute nur ungerne als Hausfrau sieht. Diese Rolle haben ihre Mütter oder Großmütter eingenommen, doch das waren halt „andere Zeiten“.
Auch in der Werbung ist es unvorstellbar, dass eine Hausfrau als solche angesprochen wird. Nicht berufstätige Mütter sprechen ungerne von sich als Hausfrauen, die vom Einkommen ihres Mannes abhängig sind.
Mit der Teilzeittätigkeit heben sich die heutigen Mütter, von ihren eigenen ab. Der Teilzeitjob hat auch einen symbolischen Charakter. Dass das geringere Einkommen immer noch finanziell vom Partner abhängig macht, wird dabei gerne außer Acht gelassen.

Die Problematik der Abhängigkeit wird mit den staatlichen Regelungen noch zusätzlich verstärkt. Das Ehegattensplitting – übrigens ein Relikt aus der Nazizeit – fördert ungleiche Einkommensverhältnisse: Warum sollte die Frau voll arbeiten, wenn dann eh der Großteil für Steuern drauf geht? Und auch das von der Regierung angestrebte Betreuungsgeld fördert, dass Mütter zu Hause bleiben, um ihre Kinder zu erziehen.
Nun könnte man argumentieren, dass ja auch der Mann teilzeit arbeiten, oder zu Hause bleiben könnte, jedoch greift hier wieder das alte Rollenbild.
Zudem haben es Männer in der Geschäftswelt immer noch leichter beruflich Aufzusteigen und verdienen durchschnittlich mehr, als Frauen. Warum sollte ein Mann mit einer Aussicht auf eine erfolgreiche Karriere seinen Job für die Familie aufgeben, wenn die Frau sich für den selben Erfolg viel mehr und wahrscheinlich auch länger durchbeißen muss?
Zudem sind Männer, die sich für die Familie zur Teilzeittätigkeit oder gar zur Erwerbslosigkeit entschließen, gesellschaftlich nicht sonderlich anerkannt. Sie werden dann gerne als „Lebenskünstler“ bezeichnet und von anderen Männern (und auch Frauen) belächelt. Ein Mann, der sich für die Kindererziehung und gegen eine Vollzeittätigkeit entscheidet, hat es deutlich schwerer, als eine Frau.

Diese ganzen Mechanismen findet man bei den meisten jungen Familien in Deutschland. Frühere Frauengenerationen erkämpften Unabhängigkeit, die von den Müttern heute – wie ihre Teilzeitjobs – eben nur zum Teil eingefordert wird. Zwar haben die Frauen ein eigenes Einkommen, doch dies ist durch die geringere Stundenzahl natürlich kleiner. Wenn die Kinder irgendwann größer sind und die Mutter wieder voll in ihren Beruf einsteigt, ist sie dem Mann einige Stufen auf der Karriereleiter hinterher und wird es auch schwerer haben diese weiter zu erklimmen. Dies führt zusätzlich zu einem geschmälerten Einkommen der Frau. Die Abhängigkeit und die Ungleichheit der Finanzen bestehen somit auch ohne das frühere Hausfrauen-Modell. Nur haben Frauen seit 2008 mit der Reform des Unterhaltsgesetzes im Falle einer Scheidung auch keinen Anspruch mehr auf Unterhalt vom Mann. Die ganze Aufopferung und Aufgabe eigener Pläne bringt dann wenig. 

Doch was ist denn das richtige, das feministische Lebensmodell? Sollte die Frau darauf bestehen Vollzeit erwerbstätig zu sein? Solche Entscheidungen muss jedes Paar individuell für sich entscheiden. Vielleicht ist es ja auch so, dass die Frau lieber Hausfrau sein möchte – ohne dabei antifeministische Einstellungen zu vertreten. Einfach nur, weil sie sich diese Lebensweise für sich gut vorstellen kann. Auch gibt es Frauen, die zu Gunsten ihrer Familie gerne eine Teilzeitarbeit übernehmen, doch diese beiden Modelle erzeugen eben auch eine Abhängigkeit vom Einkommen des Partners. Die Ungleichheit der Geschlechter zeichnet sich dabei daran ab, dass es eben so gut wie nie die Männer sind, die sich in solch eine finanzielle Abhängigkeit begeben. Die Ansichten, die immer noch in der Gesellschaft herrschen führen zudem dazu, dass es weiterhin die Frauen zum größeren Teil vom Partner abhägig sind. Auch wenn sich eine Mutter entscheidet ihrer Karriere nachzugehen, wird von ihr mehr erwartet, als von einem Vater, der im Berufsleben seinen Weg macht. Die „Working Mom“ als die perfekte Frau, die Karriere und Familie spielend hinbekommt ist ein Bild, das gerne forciert wird. Leider ist dies für jede Frau, die nicht so viel verdient, dass sie sich Babysitter und Nannys für 24 Stunden am Tag leisten kann, eine wirklich schwere, kaum zu bewältigende Aufgabe.
Daran sieht man, dass es als Mutter eigentlich egal ist, welches Lebensmodell man wählt, man steht immer unter dem Druck der Gesellschaft und dem Frauenbild, das derzeit exisitiert. In Zeiten des Individualismus müssen wir jedoch davon Abstand nehmen und feststellen, dass jeder für sich entscheiden sollte, welches Lebensmodell er oder sie wählt. Die Verteilung der Rollen in einer Partnerschaft müssen die beiden Eltern miteinander aushandeln. Dabei sollte aber auch die finanzielle Abhängigkeit berücksichtigt werden und jeder für sich eine Lösung finden. Der Staat schreibt den Frauen nicht mehr vor, dass sie den Haushalt führen sollen, doch er schützt den finanziell Abhängigen im Falle einer Scheidung auch nicht mehr durch eine Unterhaltszahlungspflicht. Der Individualismus bedeutet eben auch, dass sich jeder um sich selbst kümmern muss oder einen wasserdichten Ehevertrag benötigt.

Sonntag, 30. November 2014

Die Geschichte des Michael Brown



Der Fall um den Polizisten, der am 9. August 2014 Michael Brown in Furguson – Bundesstaat Missouri, USA – erschossen hat ist wohl gemeinhin bekannt. Ein schwarzer 18-jähriger Junge, der angeblich etwas gestohlen haben sollte, dann in einen Konflikt mit der Polizei gekommen war, um daraufhin zu fliehen und auf der Flucht mit sechs Schüssen getötet wurde[1]. Folge dieser Ereignisse waren massive Proteste gegen Polizeigewalt, bei denen insbesondere die Diskriminierung der Polizei aufgrund von Hautfarbe im Vordergrund stand. Die Demonstrationen schlugen jedoch schnell in Gewalt um – insbesondere die Polizei wurde kritisiert und es folgten Anzeigen gegen ungerechtfertigte Übergriffe[2]. Wie abartig das Vorgehen und auch die militärische Ausstattung der amerikanischen Polizei waren bzw. ist, zeigt sich auf mashable.com, wo Bilder der Demonstration mit denen des Irakkriegs gegenübergestellt werden – die Ähnlichkeit ist erschreckend[3]. Die Proteste in Ferguson wurden kurz darauf durch weitere Todesschüsse weißer Polizisten auf einen Schwarzen angeheizt[4]. Die Situation führte so weit, dass sich US-Präsident Obama zum Handeln gezwungen sah und sich öffentlich gegen Gewalt auf beiden Seiten aussprach. Zudem schickte er seinen Justizminister vor Ort, um sich der Sache anzunehmen[5]. Des Weiteren wurde die Nationalgarde nach Ferguson ab beordert, um für Ruhe zu sorgen[6]. Auch in den sozialen Medien erhielt der Fall große Aufmerksamkeit. Mit dem Hashtag #iftheygunnedmedown machten Menschen auf der ganzen Welt über Twitter darauf aufmerksam, dass Michael Brown so wie der Afroamerikaner Tyler Atkins ihrer Meinung nach aufgrund ihres Äußeren erschossen wurden[7]. In den Medien wurde eine Kontroverse um den immer noch herrschenden Rassismus in den USA laut[8], die – wenn man Statistiken betrachtet[9] – nicht unbegründet zu sein scheint. Sehr problematisch ist auch die Spendensammlung für den Todesschützen Darren Wilson zu betrachten. Die Aktion wurde zwar nur mit den Worten „Wir stehen hinter Darren Wilson und seiner Familie in dieser schwierigen Zeit“ beworben, bot jedoch auch eine Plattform für Rassisten. Besonders traurig ist dabei zu sehen, dass die Spendensumme für Darren Wilson, die für die Trauerfeier von Michael Brown überstiegen hat[10]. Vermutungen darüber welche Hautfarbe die Spenderinnen und Spender der jeweiligen Seite haben liegen nahe und die gesammelten Summen spiegeln wohl auch die Kluft des Einkommens zwischen Afroamerikanern und Weißen wieder[11]. Wilson war nach den Todesschüssen von der Polizei zunächst beurlaubt worden, da eine Geschworenenjury untersuchen sollte, ob ein Verfahren gegen ihn eröffnet würde[12]. Fast vier Monate nach seinen tödlichen Schüssen auf den unbewaffneten Michael Brown quittierte der Polizist seinen Dienst und wird daraufhin von der Anklage durch das Urteil der Geschworenenjury enthoben[13]. Ob ihm sein freiwilliger Rücktritt zu diesem Urteil verholfen hat, bleibt offen. Generell ist die Entscheidung der Jury kritisch zu sehen. So erhielten sie zu Beginn der Verhandlungen den Gesetzestext ihres Bundesstaats Missouri (Kapitel 563, Ziffer 3 des 46. Abschnitts), in dem es heißt: „Ein Polizist darf den Tod des Festzunehmenden riskieren, wenn er vernünftigerweise annimmt, dass dieser Gebrauch tödlicher Gewalt unmittelbar notwendig ist, um die Festnahme zu bewirken, und wenn er außerdem vernünftigerweise annimmt, dass die Person, die festgenommen werden soll, entweder (a) ein Verbrechen begangen oder zu begehen versucht hat; oder (b) durch Gebrauch einer tödlichen Waffe zu fliehen versucht; oder (c) auf andere Weise eine Gefahr für Leib und Leben von Dritten darstellt, wenn sie nicht ohne Verzug festgenommen wird“[14]. Will man dieses Gesetz auf den Fall anwenden, so wird es schwierig. Was als „vernünftig“ verstanden wird, ist Definitionssache und sehr von persönlichen Einstellungen geprägt. Nach den Beschreibungen von Darren Wilson mag es der Jury wohl so vorgekommen sein, dass er vernünftig gehandelt habe. Dieser schilderte, dass er auf der Rückfahrt von einem Einsatz zwei Fußgänger auf dem Mittelstreifen der Fahrbahn gesehen habe, um die bereits mehrere Autos einen Bogen hätten fahren müssen. Er habe sie zum Verlassen der Straße aufgefordert[15], als diese sich weigerten sei ihm ein Detail an Michael Browns Kleidung aufgefallen, das der Beschreibung eines wegen Raubüberfalls gesuchten Mannes entsprach. Daraufhin sei es zu einem Kampf zwischen den beiden Männern gekommen, bei denen Brown angeblich versucht habe die Dienstwaffe zu entwenden. Auch machte Wilson klar, wie bedrohlich ihm der große Mann vorgekommen sei und dass ihm keine anderen Möglichkeiten der Abwehr wie z.B. ein Teaser zur Verfügung gestanden habe, weshalb er schoss. Folgt man also der Annahme, Wilson habe sich vernünftig verhalten, indem er für die Festnahme tödliche Gewalt nutzte, so muss laut Gesetz zudem Punk (a), (b) oder (c) auf die Situation zutreffen. Da Wilson angeblich davon ausging, dass Brown einen Raubüberfall begangen hat, würde (a) also zutreffen. Doch an dieser Stelle gibt es einen entscheidenden Knackpunkt: Dieser Teil des missourischen Gesetzes wurde vom Obersten Gerichtshof der USA als unzulässig quittiert, da dies dem Schutz vor unvernünftigem Ergreifung aus dem vierten Zusatz der Bundesverfassung wiederspricht. Dies fiel der Staatsanwaltschaft im Falle Wilsons jedoch erst zum Ende des Verfahrens auf. Statt jedoch darauf hinzuweisen, welcher Teil des Gesetzes aus welchen Gründen nicht zulässig ist, wurde die Jury darauf verwiesen „den Zettel mit dem Gesetzestext zu vergessen“. [16] Ob diese Tatsache zu dem Freispruch von einem weiteren Verfahren geführt hat, ist schwer nachzuvollziehen, genauso wie die Frage ob die Verteilung der Herkunft der Jurymitglieder etwas damit zu tun gehabt habe (nur drei Afroamerikaner[17]). Sicher ist jedoch, dass damit der Protest gegen Polizeigewalt und Rassismus nicht beendet ist. Direkt nach dem Jury-Entscheid gab es am sogenannten „Black Friday“ erneut Proteste, die dafür sorgten, dass ein Einkaufszentrum schließen musste[18].


[1] http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2014-08/michael-brown-autopsie
[2] http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2014-08/klagen-gegen-polizei-in-ferguson
[3] http://mashable.com/2014/08/13/ferguson-police-protests-vs-iraq/
[4] http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2014-08/video-polizei-powell-stlouis
[5] http://www.zeit.de/politik/ausland/2014-08/obama-ferguson-statement
[6] http://www.tagesschau.de/ausland/ferguson-273.html
[7] http://www.sueddeutsche.de/panorama/iftheygunnedmedown-zu-michael-brown-guter-junge-boeser-junge-1.2088275
[8] http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2014-08/usa-rassismus-brown
[9] http://www.tagesschau.de/multimedia/bilder/statistik-diskriminierung-usa-100.html
[10] http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2014-08/ferguson-wilson-brown-spenden-fund
[11] http://www.n-tv.de/politik/Wohlstandskluft-waechst-article242109.html
[12] http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2014-08/ferguson-wilson-brown-spenden-fund
[13] http://www.faz.net/aktuell/politik/ausland/amerika/unruhen-in-amerika-todesschuetze-von-ferguson-quittiert-polizeidienst-13294183.html
[14] http://www.faz.net/aktuell/politik/ausland/amerika/grand-jury-von-ferguson-ignorieren-sie-bitte-das-gesetz-13293390.html
[15] Dies ist vielfach als Beispiel für die alltäglichen polizeilichen Schikanen bewertet worden, mit denen Schwarze in Wohngebieten wie Canfield Green leben müssen.
[16] http://www.faz.net/aktuell/politik/ausland/amerika/fall-michael-brown-in-ferguson-darren-wilsons-geschichte-13289042-p3.html
[17] http://www.fr-online.de/politik/polizeigewalt-in-ferguson--das-umstrittene-system-grand-jury,1472596,29146568.html
[18] http://www.sueddeutsche.de/panorama/proteste-wegen-ferguson-wenn-schnaeppchenjaeger-ueber-leichen-steigen-1.2244527